Prof. Dr. David Liebetanz - Neurologische Privatpraxis
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Botulinumtoxin bei Anismus

Dyssynerge Defäkation

Anismus bezeichnet eine Störung der Stuhlentleerung, bei der sich die Muskulatur des Beckenbodens und des Schließmuskels beim Stuhlgang nicht wie vorgesehen entspannt, sondern paradox anspannt. Dadurch wird die Entleerung erschwert oder blockiert. Betroffene berichten häufig über starkes Pressen, das Gefühl einer unvollständigen Entleerung oder die Notwendigkeit manueller Hilfen.

Ursache ist eine Fehlkoordination zwischen Bauchpresse, Beckenboden und Schließmuskel. Die Muskulatur selbst ist in der Regel nicht krank, sondern wird funktionell falsch angesteuert. Warum diese Störung entsteht, ist nicht immer eindeutig geklärt; häufig handelt es sich um eine funktionelle Regulationsstörung der neuromuskulären Abläufe.

Anismus gehört zu den häufigeren Ursachen einer chronischen Verstopfung. Ein relevanter Anteil der Patienten mit chronischer Obstipation weist eine solche Entleerungsstörung auf. Die Erkrankung kann in jedem Erwachsenenalter auftreten und bleibt oft lange unerkannt.

Die Behandlung des Anismus mit Botulinumtoxin ist eine gezielte Therapieoption bei ausgeprägter Entleerungsstörung. Durch die vorübergehende Entspannung der Muskulatur kann sie helfen, den Stuhlgang zu erleichtern und zu einer nachhaltigen Besserung der Beschwerden führen.

Wie wirkt Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin wird gezielt in den äußeren Schließmuskel und/oder den Beckenbodenmuskel (insbesondere den Musculus puborectalis) injiziert. Es reduziert dort vorübergehend die Muskelspannung und erleichtert so die Entspannung während des Stuhlgangs. Dadurch kann sich die Koordination verbessern und die Entleerung erleichtert werden.

Ablauf der Behandlung

Die Behandlung erfolgt in der Regel nach entsprechender Diagnostik. Botulinumtoxin wird mit feinen Nadeln in die betroffenen Muskeln injiziert. Die Injektion erfolgt unter EMG-Kontrolle oder Ultraschall gesteuert. Die eigentliche Behandlung dauert nur kurze Zeit, erfordert jedoch Erfahrung in der exakten Platzierung.

Wirkungseintritt und Wirkdauer

Die Wirkung setzt meist innerhalb weniger Tage ein, häufig nach drei bis fünf Tagen. Die maximale Wirkung wird nach etwa ein bis zwei Wochen erreicht. Die Entleerung kann sich in dieser Zeit deutlich erleichtern. Die Wirkung hält in der Regel etwa zwei bis drei Monate an. In dieser Phase kann sich die Koordination des Beckenbodens verbessern.

Verhalten vor und nach der Behandlung

Vor der Behandlung sind in der Regel keine besonderen Maßnahmen erforderlich. Nach der Behandlung sind normale Alltagsaktivitäten möglich. Wichtig ist, die Phase der reduzierten Muskelspannung zu nutzen, um eine physiologische Entleerung zu trainieren.

Nebenwirkungen

Die Behandlung ist in der Regel gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind lokale Schmerzen oder kleine Blutergüsse. In seltenen Fällen kann es zu einer vorübergehenden Schwäche des Schließmuskels kommen, die sich in einer leichten Inkontinenz äußern kann. Diese Effekte sind meist mild und rasch reversibel.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten

Die wichtigste Therapie des Anismus ist die sogenannte Biofeedback-Therapie, bei der die Koordination der Beckenbodenmuskulatur gezielt trainiert wird. Ergänzend kommen Ernährungsanpassungen, Stuhlregulation und physiotherapeutische Maßnahmen zum Einsatz.