Prof. Dr. David Liebetanz - Neurologische Privatpraxis
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Botulinumtoxin bei chronischer Migräne

Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen bestehen, davon an mindestens 8 Tagen mit typischen Migränemerkmalen wie pochendem Schmerz, Übelkeit sowie Licht- oder Lärmempfindlichkeit. Die Erkrankung kann den Alltag erheblich beeinträchtigen und führt häufig zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität.

Die Behandlung der chronischen Migräne mit Botulinumtoxin ist eine wirksame und gut verträgliche Therapieoption, insbesondere bei Patienten, bei denen andere vorbeugende Behandlungen nicht ausreichend geholfen haben. Ziel ist eine deutliche Reduktion der Kopfschmerztage und eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität.

Woher kommt die chronische Migräne?

Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Man geht von einer komplexen Störung der Schmerzverarbeitung im Gehirn aus, bei der sowohl Nervenbotenstoffe als auch eine erhöhte Empfindlichkeit des Nervensystems eine Rolle spielen. Häufig entwickelt sich eine chronische Migräne aus einer zunächst episodischen Migräne, insbesondere bei häufiger Einnahme von Schmerzmitteln, anhaltendem Stress oder genetischer Veranlagung.

Die chronische Migräne betrifft etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Meist beginnt die Erkrankung im jungen bis mittleren Erwachsenenalter und kann über viele Jahre bestehen.

Wie wirkt Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin wirkt bei chronischer Migräne nicht einfach nur entspannend auf Muskeln. Nach heutigem Wissen hemmt es an bestimmten Schmerzfasern im Kopf- und Nackenbereich die Freisetzung von Botenstoffen, die Migräne fördern. Dazu gehören unter anderem Stoffe, die Entzündung, Schmerzleitung und eine Überempfindlichkeit des Nervensystems verstärken. Dadurch wird das Schmerzsystem insgesamt „weniger reizbar”.

Die Behandlung wirkt also vorbeugend und kann dazu beitragen, dass Migräneattacken seltener und oft auch schwächer werden. Die volle Wirkung entwickelt sich nicht sofort, sondern meist innerhalb von Tagen bis Wochen, manchmal auch erst nach mehreren Behandlungszyklen.

Ablauf der Behandlung

Die Behandlung erfolgt ambulant nach einem standardisierten Schema. Dabei wird Botulinumtoxin mit feinen Nadeln an mehreren definierten Punkten im Bereich von Stirn, Schläfen, Hinterkopf, Nacken und Schultern injiziert. Insgesamt werden etwa 30 bis 35 kleine Injektionen durchgeführt. Die Behandlung dauert in der Regel etwa 15 bis 20 Minuten und ist gut verträglich.

Wirkungseintritt und Wirkdauer

Die Wirkung setzt nicht sofort ein, sondern entwickelt sich innerhalb von ein bis zwei Wochen. Die volle Wirkung zeigt sich häufig erst nach mehreren Behandlungszyklen. Die Wirkung hält etwa drei Monate an, sodass die Behandlung in diesem Abstand wiederholt wird. Eine Beurteilung des Therapieerfolgs sollte in der Regel erst nach zwei bis drei Behandlungen erfolgen.

Kopfschmerzkalender

Für die Beurteilung des Behandlungserfolgs ist das Führen eines Kopfschmerzkalenders sehr wichtig. Hier werden Kopfschmerztage, Migränetage und die Einnahme von Medikamenten dokumentiert. Dadurch lässt sich objektiv feststellen, ob und in welchem Ausmaß die Therapie wirkt.

Verhalten vor und nach der Behandlung

Vor der Behandlung sind keine besonderen Maßnahmen erforderlich. Nach der Injektion sollte am Behandlungstag auf intensive körperliche Belastung und Sauna verzichtet werden. Die behandelten Areale sollten nicht massiert werden. Normale Alltagsaktivitäten sind jedoch jederzeit möglich.

Nebenwirkungen

Die Behandlung gilt als sicher und ist gut untersucht. Nebenwirkungen sind in der Regel mild und vorübergehend. Möglich sind lokale Schmerzen oder kleine Blutergüsse an den Einstichstellen. Gelegentlich kann es zu Nackenverspannungen oder einem vorübergehenden Schwächegefühl im Nacken kommen.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten

Neben Botulinumtoxin stehen verschiedene andere Therapien zur Verfügung. Dazu gehören medikamentöse Prophylaxen wie Betablocker, Antikonvulsiva oder Antidepressiva sowie moderne Antikörpertherapien gegen CGRP. Ergänzend können nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Ausdauersport, Stressreduktion, Verhaltenstherapie oder Entspannungsverfahren sinnvoll sein.