Prof. Dr. David Liebetanz - Neurologische Privatpraxis
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Botulinumtoxin bei motorischen Tics

Tic-Störungen, Tourette-Syndrom

Motorische Tics sind kurze, unwillkürliche, immer wieder auftretende Bewegungen einzelner Muskelgruppen. Typische Beispiele sind vermehrtes Blinzeln, ruckartige Kopf- oder Schulterbewegungen, Grimassieren im Gesicht oder rasche Bauchmuskelanspannungen. Charakteristisch ist, dass viele Betroffene vor einem Tic ein unangenehmes Vorgefühl (das sogenannte „premonitory urge") verspüren – ein innerer Drang, der erst nachlässt, wenn der Tic ausgeführt wurde.

Tics beginnen meist im Kindes- oder Jugendalter und können sich im Verlauf des Lebens verändern. Die häufigste zugrundeliegende Ursache ist das Tourette-Syndrom (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom), bei dem motorische und vokale Tics über längere Zeit auftreten. Daneben gibt es chronische motorische Tic-Störungen ohne vokale Anteile sowie vorübergehende Tic-Störungen. Die Prävalenz des Tourette-Syndroms wird auf 0,3 bis 1 Prozent der Kinder und Jugendlichen geschätzt; bei Erwachsenen ist die Häufigkeit geringer, da sich die Beschwerden bei vielen Betroffenen mit dem Erwachsenwerden bessern.

Nicht jeder Tic muss behandelt werden. Häufig genügt es, den Betroffenen und ihren Angehörigen die Erkrankung zu erklären und mit ihr umzugehen. Eine Behandlung kommt in Betracht, wenn ein oder wenige Tics besonders belastend sind – etwa weil sie Schmerzen verursachen, das soziale Leben stark beeinträchtigen oder körperliche Folgen wie muskuläre Verspannungen nach sich ziehen.

Für einzelne, umschriebene und hartnäckige motorische Tics ist die Behandlung mit Botulinumtoxin eine wirksame und gut verträgliche Option. Sie eignet sich besonders für fokale Tics, die auf einen bestimmten Muskel oder eine kleine Muskelgruppe beschränkt sind. Die Anwendung erfolgt off-label; die klinische Wirksamkeit ist unter anderem in einer randomisierten kontrollierten Studie von Marras und Kollegen belegt (Marras C et al. Neurology. 2001;56:605–610).

Wie wirkt Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin wird gezielt in den Muskel injiziert, der den Tic ausführt. Dort blockiert es vorübergehend die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel, sodass sich die Muskelanspannung deutlich abschwächt. Die Bewegung wird dadurch nicht vollständig unterdrückt, sondern in ihrer Ausprägung reduziert – oft so weit, dass der Tic für die Umgebung kaum noch wahrnehmbar ist und für die betroffene Person nicht mehr belastend.

Ein bemerkenswerter Zusatzeffekt ist die Wirkung auf das Vorgefühl (premonitory urge): In Studien berichteten Betroffene, dass mit der Injektion nicht nur der Tic selbst, sondern auch der innere Drang davor deutlich nachließ. Dieser Effekt lässt sich mit rein muskelentspannenden Mechanismen allein nicht erklären und ist ein Grund, warum Botulinumtoxin gerade bei belastenden fokalen Tics als besonders sinnvoll angesehen wird.

Ablauf der Behandlung

Vor der ersten Behandlung wird der Tic zunächst genau beobachtet und der beteiligte Muskel bestimmt. Anschließend wird Botulinumtoxin mit einer sehr feinen Nadel in den betroffenen Muskel injiziert. Bei tief liegenden oder schwer abgrenzbaren Muskeln kann die Injektion durch Elektromyographie oder Ultraschall gesteuert werden. Die Behandlung dauert in der Regel zwischen 10 und 20 Minuten und erfolgt ambulant.

Wirkungseintritt und Wirkdauer

Die Wirkung setzt nicht sofort ein, sondern entwickelt sich meist innerhalb von drei bis sieben Tagen. Die volle Wirkung ist nach etwa zwei Wochen erreicht. Sie hält in der Regel drei bis vier Monate an. Anschließend lässt sie allmählich nach, sodass die Behandlung in regelmäßigen Abständen wiederholt werden kann. Dosis und Injektionsstellen werden von Sitzung zu Sitzung individuell angepasst.

Verhalten vor und nach der Behandlung

Vor der Behandlung sind keine besonderen Vorbereitungen erforderlich. Blutverdünnende Medikamente sollten wenn möglich vorher besprochen werden. Am Behandlungstag sollten intensive körperliche Belastung, Sauna und starkes Massieren der behandelten Region vermieden werden. Alle normalen Alltagsaktivitäten sind unmittelbar wieder möglich. Eine begleitende Verhaltenstherapie – insbesondere das Habit-Reversal-Training – kann die Wirkung sinnvoll ergänzen.

Nebenwirkungen

Die Behandlung ist bei sachgerechter Durchführung gut verträglich. Häufigste Nebenwirkung ist eine vorübergehende Schwächung des behandelten Muskels über das gewünschte Maß hinaus – etwa eine leichte Ptosis (herabhängendes Augenlid) nach Injektion am Auge oder ein Gefühl der Muskelschwäche bei Behandlung am Nacken. Diese Beschwerden bilden sich innerhalb weniger Wochen von selbst zurück. Lokale Reaktionen an der Einstichstelle wie kleine Blutergüsse oder kurzzeitige Schmerzen kommen ebenfalls vor. Bei Injektion in Muskeln des Kehlkopfes kann es zu einer vorübergehenden Veränderung der Stimme kommen.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten

Botulinumtoxin ist eine von mehreren Behandlungsoptionen bei Tic-Störungen und wird ausdrücklich für belastende fokale Tics eingesetzt – nicht als Gesamttherapie eines Tourette-Syndroms. Bei ausgeprägten, generalisierten Tics stehen zunächst nicht-medikamentöse Verfahren im Vordergrund, insbesondere die Verhaltenstherapie mit Habit-Reversal-Training beziehungsweise die umfassendere CBIT (Comprehensive Behavioral Intervention for Tics). Medikamentöse Optionen umfassen unter anderem Alpha-2-Agonisten (Clonidin, Guanfacin), Tiaprid, atypische Neuroleptika (Risperidon, Aripiprazol) sowie Tetrabenazin. In seltenen, sehr schweren Verläufen kann eine tiefe Hirnstimulation erwogen werden. Die Wahl der Behandlung erfolgt individuell und richtet sich nach Art und Ausprägung der Tics, dem Alter sowie den Begleitumständen.