Prof. Dr. David Liebetanz - Neurologische Privatpraxis
← Zurück zu Botulinumtoxin

Botulinumtoxin bei Vaginismus

Scheidenkrampf

Vaginismus bezeichnet eine unwillkürliche Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur, insbesondere im Bereich des Scheideneingangs. Dadurch kann das Einführen von Tampons, gynäkologischen Instrumenten oder Geschlechtsverkehr schmerzhaft oder unmöglich sein.

Beim primären Vaginismus liegt eine früh bestehende, nicht willentlich steuerbare Überreaktion der Beckenbodenmuskulatur vor. Diese zeigt sich oft bereits beim ersten Tamponversuch in der Pubertät. Die genaue Ursache dieser Überreaktivität ist bislang nicht geklärt. Man geht von einer Störung der neuromuskulären Regulation aus, bei der es zu einer übermäßigen Anspannung der Muskulatur kommt. Die Muskulatur selbst ist dabei gesund.

Viele Betroffene suchen erst spät medizinische Hilfe. Die Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein, von leichten Beschwerden bis zu einer vollständigen Unmöglichkeit vaginaler Untersuchung oder Penetration (Grad I–V nach Lamont 1978). Einige bekannte Frauen haben öffentlich über ihre Erfahrungen mit Vaginismus gesprochen, um das Thema zu enttabuisieren, darunter die Sängerin Meghan Trainor, die Schauspielerin Zosia Mamet, die Filmemacherin Shelby Hadden und die Autorin Rosie Howard.

Die Behandlung des Vaginismus mit Botulinumtoxin ist eine gezielte Therapieoption bei ausgeprägten Beschwerden. Durch die Entspannung der Muskulatur des Scheideneingangs kann sie helfen, Schmerzen zu reduzieren und eine normale Funktion wieder zu ermöglichen. Die Behandlung sollte immer in Kombination mit begleitenden Therapien (Dilatatoren) erfolgen und kann zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen beitragen.

Wie wirkt Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin wird gezielt in die verkrampfte Beckenbodenmuskulatur injiziert. Es hemmt dort vorübergehend die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel. Dadurch entspannt sich die Muskulatur, und die schmerzhafte Verkrampfung kann deutlich nachlassen. Die Wirkung ist lokal begrenzt.

Ablauf der Behandlung

Die Behandlung erfolgt in der Regel ambulant, eine lokale Betäubung oder Narkose ist in der Regel nicht notwendig. Je nach individueller Situation kann auch eine anästhesierende Creme aufgetragen werden. Botulinumtoxin wird mit sehr feinen Nadeln in die betroffenen Muskeln des Scheideneingangs injiziert. Die genaue Platzierung richtet sich nach dem individuellen Befund. Die Behandlung dauert meist nur kurze Zeit, erfordert jedoch Erfahrung in der anatomischen Orientierung.

Wirkungseintritt und Wirkdauer

Die Wirkung setzt in der Regel innerhalb von wenigen Tagen ein und erreicht nach etwa ein bis zwei Wochen ihr Maximum. Die Muskelspannung nimmt deutlich ab, wodurch Untersuchungen oder Geschlechtsverkehr erleichtert werden können. Die Wirkung hält meist mehrere Monate an, häufig etwa drei bis vier Monate.

Verhalten vor und nach der Behandlung

Vor der Behandlung sind in der Regel keine besonderen Maßnahmen erforderlich. Nach der Behandlung stellen Übungen mit Dilatatoren in ansteigender Größe einen wesentlichen Bestandteil der weiteren Therapie dar, um schrittweise eine Gewöhnung und Dehnung zu ermöglichen.

Nebenwirkungen

Die Behandlung ist in der Regel gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind lokale Schmerzen oder kleine Blutergüsse an den Einstichstellen. In seltenen Fällen kann es zu einer vorübergehenden Muskelschwäche im Beckenboden kommen, was sich zum Beispiel in einem veränderten Gefühl der Kontrolle äußern kann. Diese Effekte sind in der Regel rasch reversibel.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten

Die Basistherapie des Vaginismus besteht in der Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin. Zusätzlich gehören Aufklärung, Dehnübungen und sexualtherapeutische Ansätze zur Therapie. Die Wirksamkeit einer Psychotherapie bei primärem Vaginismus ist nicht belegt. Eine Psychotherapie ist meines Erachtens auch nicht sinnvoll, da es sich um eine angeborene bzw. früh manifeste funktionelle Störung der neuromuskulären Kontrolle handelt, die häufig bereits beim ersten Tampon oder Geschlechtsverkehr auftritt.