Prof. Dr. David Liebetanz - Neurologische Privatpraxis

Migräne

Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen überhaupt. Etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen sind betroffen, am häufigsten zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr; in dieser Lebensphase sind Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Sie ist eine eigenständige Erkrankung des Gehirns, keine Einbildung und kein bloßer Kopfschmerz.

Was ist eine Migräne?

Bei einer Migräneattacke werden bestimmte Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die eine entzündungsähnliche Reaktion und eine erhöhte Erregbarkeit des Trigeminusnervs auslösen — jenes Nervs, der Gesicht, Kopf und Hirnhäute versorgt. Eine eventuell vorausgehende Aura ist Ausdruck einer sich wellenförmig ausbreitenden Hemmung der Aktivität von Nervenzellen in der Gehirnrinde.

Eine Migräne ist also kein einfacher Kopfschmerz, sondern ein vorübergehender Funktionszustand des Gehirns. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt, eine genetische Veranlagung spielt aber eine wichtige Rolle. Migräne ist keine Folge falschen Verhaltens — sie wird ausgelöst, nicht verursacht. Bestimmte Reize können Attacken anstoßen, sogenannte Trigger: häufige Auslöser sind Schlafmangel, Stress (auch das Nachlassen von Stress am Wochenende), unregelmäßige Mahlzeiten, geringe Trinkmenge, hormonelle Schwankungen oder Alkohol.

Welche Beschwerden treten bei einer Migräne auf?

Charakteristisch sind Attacken heftiger, häufig einseitiger pulsierend-pochender Kopfschmerzen, die bei körperlicher Betätigung an Intensität zunehmen. Bei einem Drittel der Betroffenen bestehen die Schmerzen im gesamten Kopf. Begleitend treten häufig auf: Übelkeit (etwa 70 Prozent der Attacken), Erbrechen (rund 30 Prozent), Lichtscheu (70 Prozent) und Lärmempfindlichkeit (50 Prozent), seltener auch eine Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen (10 Prozent). Eine unbehandelte Attacke dauert zwischen vier und 72 Stunden.

Bei einem Teil der Betroffenen geht der Kopfschmerzphase eine sogenannte Aura voraus. Sie besteht aus neurologischen Symptomen, die für Minuten bis zu einer Stunde anhalten: Flimmersehen, zackenartige Begrenzung des Gesichtsfeldes, Wortfindungs- und Sprachstörungen, aufsteigendes Kribbeln an Armen oder Beinen, selten auch Schwindel oder Lähmungen. Diese Symptome bilden sich vollständig wieder zurück. Bei einer erstmals auftretenden Aura sollte unbedingt ärztlich abgeklärt werden, ob es sich tatsächlich um eine Migräne und nicht um eine andere Ursache handelt.

Tritt die Migräne an 15 oder mehr Tagen im Monat auf, davon mindestens 8 Tage als typischer Migränekopfschmerz, über mehr als drei Monate hinweg, spricht man von einer chronischen Migräne.

Wie wird die Migräne diagnostiziert?

Die Diagnose stützt sich auf die Krankengeschichte mit den oben genannten Beschwerden. Es gibt keine apparative Untersuchung, mit der eine Migräne bewiesen oder ausgeschlossen werden könnte. Eine körperliche neurologische Untersuchung muss unauffällig sein; geprüft werden dabei unter anderem die Hirnnerven, die Kraft, die Empfindungsfähigkeit der Haut, die Muskeleigenreflexe und die Koordination. Die Diagnose wird gestellt, wenn fünf typische Migräneattacken aufgetreten sind.

Weitere Untersuchungen können bei ungewöhnlichen Beschwerden oder Auffälligkeiten in der neurologischen Untersuchung notwendig sein, um andere Erkrankungen auszuschließen — etwa eine Bildgebung des Kopfes (Computer- oder Magnetresonanztomographie) oder eine augenärztliche Vorstellung bei Sehstörungen.

Wie wird die Migräne behandelt?

Die Behandlung folgt der aktuellen S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und ruht auf zwei Säulen: der Akuttherapie einer einzelnen Attacke und der vorbeugenden Therapie zur Reduktion der Anfallshäufigkeit.

In der Akuttherapie sind bei leichten und mittelstarken Attacken Schmerzmittel das Mittel der ersten Wahl. Am besten belegt ist die Wirksamkeit von Acetylsalicylsäure (ASS, 1000 mg) und Ibuprofen (400 bis 600 mg). Sie wirken am besten, wenn sie früh in der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Bei stärkeren Attacken oder unzureichender Wirkung von Schmerzmitteln kommen Triptane zum Einsatz — eine Medikamentengruppe, die gezielt zur Behandlung der Migräneattacke entwickelt wurde. Sie sind die wirksamsten Substanzen in der akuten Migräneattacke. Opioid-Schmerzmittel sollen in der Migränetherapie nicht eingesetzt werden.

Wichtig ist, Schmerzmittel und Triptane nicht zu häufig einzunehmen: Ab etwa 15 Einnahmetagen pro Monat (bei Einzelsubstanzen) beziehungsweise 10 Tagen (bei Kombinationspräparaten) besteht das Risiko, dass sich daraus selbst ein neuer Kopfschmerz entwickelt — der sogenannte Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch.

Eine vorbeugende Therapie kommt in Betracht, wenn Attacken häufig, sehr lang oder sehr beeinträchtigend sind oder wenn Akutmedikamente nicht ausreichend wirken. Zur Verfügung stehen einerseits ältere Medikamente, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden (bestimmte Betablocker oder Antiepileptika), andererseits seit einigen Jahren auch speziell für die Migräne entwickelte Wirkstoffe — die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor, die monatlich oder vierteljährlich gespritzt werden. Bei chronischer Migräne ist auch eine Behandlung mit Botulinumtoxin etabliert.

Neben Medikamenten sind nicht-medikamentöse Verfahren wichtig: Progressive Muskelentspannung, Achtsamkeitsverfahren, Biofeedback, kognitive Verhaltenstherapie sowie regelmäßiger Ausdauersport haben in Studien Wirksamkeit gezeigt.

Was können Sie selbst gegen Migräne tun?

Vieles. Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und eine ausreichende Trinkmenge wirken oft deutlich. Regelmäßiger Ausdauersport reduziert nachweislich die Attackenhäufigkeit. Entspannungsverfahren — insbesondere die progressive Muskelentspannung nach Jacobson — sind besonders bei stressbedingter Migräne hilfreich.

Ein Kopfschmerz-Tagebuch oder eine Kopfschmerz-App helfen dabei, persönliche Auslöser zu erkennen und den Behandlungserfolg zu beurteilen. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft stellt mit der DMKG-App ein kostenfreies und werbefreies Tagebuch zur Verfügung.

Historisches und Wissenswertes zur Migräne

Der Begriff Migräne stammt vom altgriechischen hemikrania — wörtlich „halber Schädel". Über das spätlateinische hemicrania gelangte das Wort in die romanischen Sprachen, im Altfranzösischen wurde es zu migraine verkürzt und kam von dort ins Deutsche.

Die ersten medizinischen Beschreibungen, die heute als Migräne erkennbar sind, stammen aus der Antike: Aretaios von Kappadokien gab im 2. Jahrhundert nach Christus eine erstaunlich genaue Beschreibung der Erkrankung einschließlich der Aura-Phänomene. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde Migräne im Rahmen der Humoralpathologie erklärt. Im 19. Jahrhundert lieferte der englische Arzt Edward Liveing mit seinem Werk On Megrim, Sick-Headache, and Some Allied Disorders (1873) eine erste systematische Darstellung. Im selben Zeitraum wurde Migräne — vor allem bei Frauen — zeitweise als nervöse Schwäche fehlgedeutet, was die Erkrankung über Jahrzehnte gesellschaftlich abwertete.

Erst im 20. Jahrhundert setzte sich das Verständnis durch, dass Migräne eine eigenständige neurologische Erkrankung mit objektivierbaren Veränderungen im Gehirn ist. Die wichtigsten therapeutischen Durchbrüche waren die Einführung der Triptane Anfang der 1990er Jahre und die Entwicklung der CGRP-Antikörper ab 2018 — die ersten Medikamente, die gezielt für die Migräneprophylaxe entwickelt wurden.

Die Global-Burden-of-Disease-Studie der Weltgesundheitsorganisation zählt Migräne heute zu den weltweit führenden Ursachen krankheitsbedingter Beeinträchtigung. Bei jungen Frauen unter 50 Jahren ist Migräne sogar die häufigste Ursache von Jahren, die mit Behinderung gelebt werden (Steiner et al., Journal of Headache and Pain 2020).

Bekannte Persönlichkeiten mit Migräne

Aus der Vielzahl öffentlich bekannter Migränebetroffener sind die Quellenlage und die Umstände sehr unterschiedlich. Gut belegt ist die Migräneerkrankung der Tennisspielerin Serena Williams, die seit 2020 öffentlich darüber spricht und in einem Interview mit Refinery29 (August 2021) ausführlich berichtet hat, wie sie ihre Erkrankung und deren Behandlung erlebt.

Aus der Medizingeschichte sind unter anderem Friedrich Nietzsche und Charles Darwin bekannt, deren chronische Kopfschmerzanfälle in eigenen Briefen und Aufzeichnungen ausführlich dokumentiert sind und die nach heutigem Verständnis am ehesten einer Migräne zuzuordnen sind. Eine Diagnose lässt sich aus der Distanz natürlich nicht zweifelsfrei stellen — die Quellenlage gilt aber als gut.

Quellen und weiterführende Informationen

Dieser Text basiert im Wesentlichen auf der Patientenleitlinie Migräne (Stand September 2025) der Deutschen Hirnstiftung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft sowie auf der zugrundeliegenden ärztlichen S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne" (AWMF-Registernummer 030/057).

Verlässliche, frei zugängliche Patienteninformationen finden Sie bei der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) unter www.dmkg.de/patienten — der seit 1979 führenden deutschen Fachgesellschaft auf diesem Gebiet.

Die Patientenversion der ärztlichen Leitlinie können Sie als PDF bei der Deutschen Hirnstiftung unter hirnstiftung.org einsehen.

Für den persönlichen Austausch und Selbsthilfegruppen ist die MigräneLiga e.V. Deutschland (www.migraeneliga.de) die zentrale Anlaufstelle. Sie unterhält bundesweit etwa 100 lokale Gruppen sowie zahlreiche Online-Gruppen und betreibt zusätzlich die Website www.migraene-am-arbeitsplatz.de mit Informationen zu Migräne im Berufsleben.

Eine regional passende Selbsthilfegruppe in Niedersachsen finden Sie über die bundesweite Datenbank der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) unter www.nakos.de.

Die ärztliche Behandlungsleitlinie ist über die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) unter register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-057 öffentlich einsehbar.